Der Hund braucht konsequente Führung.
Oder vielleicht etwas ganz anderes.
Ich habe kürzlich einen Facebook-Post gelesen.
Es ging um eine Hündin aus dem Tierschutz, aus Rumänien, seit kurzer Zeit in ihrem neuen Zuhause.
Beschrieben wurde folgendes:
Die Hündin sei sehr territorial geworden – ein Zeichen dafür, dass sie „angekommen“ sei.
Sobald jedoch Besuch die Wohnung betritt, verteidigt sie ihr Revier. Hände und Hosenbeine werden „getackert“, Besucher müssen auf Abstand bleiben.
Auch Situationen auf dem Sofa eskalieren, wenn sie bei der Halterin auf dem Schoß sitzt und sich jemand nähert.
In der Wohnung der Eltern der Halterin zeigt die Hündin dieses Verhalten nicht. Dort lässt sie sich ruhig streicheln.
Die Schlussfolgerung der Halter:
Der Hund braucht jetzt konsequente Führung.
Keine Couch mehr.
Sie muss lernen, „wo der Hammer hängt“.
Diese Sichtweise ist kein Einzelfall.
Sie ist Ausdruck eines Denkens, das wir Menschen seit Jahrhunderten gelernt haben:
das Dominanzdenken.
Die Vorstellung, dass Verhalten in erster Linie durch Kontrolle, Konsequenz und Machtdemonstration korrigiert werden muss.
Dass ein Tier lernen müsse, „wer oben steht“.
Dieses Denken ist tief verankert – nicht, weil es richtig ist, sondern weil es lange Zeit so gelehrt wurde.
Aus Sicht der Trust Technique zeigt mir diese Geschichte etwas ganz anderes (ohne die Personen und das Umfeld zu kennen).
Dieser Hund ist nicht angekommen.
Er ist unsicher.
Das sogenannte „Tackern“ ist kein Dominanzverhalten, sondern Selbstschutz.
Der Hund übernimmt Verantwortung, weil er keinen Menschen erlebt hat, der diese Verantwortung für ihn trägt – wahrscheinlich hat er noch nie erfahren, einem Menschen vertrauen zu können.
Was dieser Hund braucht, ist keine Strafe und kein Liebesentzug.
Er braucht einen Anker.
Einen Menschen, dem er vertrauen kann.
Einen Menschen, von dem er weiß:
Du regelst das für mich. Ich vertraue dir.
Wenn wir auf Unsicherheit mit Strafe reagieren – zum Beispiel, indem wir Nähe entziehen oder Regeln plötzlich verschärfen – vergrößern wir diese Unsicherheit.
Unsere gute Absicht kommt beim Hund nicht an.
Für ihn bleibt nur Verwirrung:
Gestern durfte ich, heute nicht mehr. Warum?
Kein Kind würde man für Angst bestrafen.
Bei Tieren ist das leider oft unser Ansatz Nummer eins, da das Verhalten desTieres missverstanden wird.
Die Folgen können sein:
- Der Hund verliert das Vertrauen in seinen Menschen.
- Die Unsicherheit steigt – und damit auch die Möglichkeit noch unangenehmeren Verhaltens.
Was wiederum zu noch drastischeren Maßnahmen führt.
Oder der Hund zieht sich innerlich zurück.
Er wirkt „brav“.
Aus Sicht des Menschen funktioniert es – der Hund.
Doch in Wahrheit hat der Hund nicht gelernt, sich sicher zu fühlen.
👉 Im schlechtesten Fall hat der Hund nicht gelernt, dass sein Verhalten Folgen hat. Er weiß nicht was er tun oder lassen soll.
👉 Er hat gelernt, vorsichtig zu sein, weil die Reaktionen seines Menschen unvorhersehbar geworden sind. Die Stimmung meines Menschen kann kippen.
Nicht Vertrauen steuert ihn jetzt, sondern Vorsicht.
Und genau hier wird der Unterschied sichtbar zwischen
funktionieren
und vertrauen.
Alle nicht gewünschten Verhaltensweisen entstehen in einem Zustand hoher Denkaktivität.
Mit der Trust Technique reduzieren wir diese Denkaktivität gezielt durch Ruhe.
Erst dann kann der Hund die Situationen objektiv wahrnehmen.
Erst dann ist echte Kommunikation möglich.
Und genau dort entsteht Vertrauen.
Nicht durch Konsequenz.
Sondern durch Sicherheit.
Und jetzt die entscheidende Frage:
Willst du, dass dein Hund funktioniert – oder dir so sehr vertraut, dass er sich in jeder für ihn unsicheren Situation an dich wendet?

